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Remote Interpreting - OMG

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, München, Hannover und dort, wo Sie mich brauchen. Heute schaue ich einen Werktag zurück. Letzten Freitag ...

Gleicher Arbeitsplatz, allerdings mit Mikro (beim Diktat)
Es kommt mir vor wie eine Bild­stö­rung: Ich trage Kopf­hö­rer, neben mir Tablet, Notiz­block und Er­satz­blei­stif­te, stilles Wasser, last but not least habe ich einen Moni­tor mit Köp­fen vor der Nase. Das kennen wir aus der Kabine, wenn die Red­ner in eini­gen Kilome­tern Ent­fernung zu sitzen scheinen. Wer fehlt ist die Kol­legin oder der Kol­lege an meiner Seite.

Auch habe ich keine Kabinen­wän­de mit Glas­sche­iben um mich herum und ein Mi­kro­­fon sehe ich auch nicht. Ich sitze ganz normal von meinem Com­puter. Auf dem Moni­tor sehe ich vier Fenster, drei große und ein klei­nes. Im kleinen bin ich, in den gro­ßen zwei Franzosen, eine Frau, ein Mann, sowie ein deutscher Nicht-mehr-ganz-Jungun­ter­nehmer.

Um mich herum ver­trau­te Akustik, wie wenn unten am May­bach­ufer der Markt auf­ge­baut wer­den würde. Und ja, es wird gerade am Ufer der Markt aufgebaut. Ich sitze zu­hau­se und dolmetsche. Wie komisch.

In mei­nem ganz pri­vaten Raum mei­nen Be­ruf aus­zu­üben, der sonst den Ein­satz von viel Tech­nik nötig macht und meis­tens mit Kongress­luft, Kollegen und schicken Klamotten ver­bun­den ist, irritiert mich. Nor­ma­ler­weise funktionieren Orts­wechsel in Richtung Arbeitsplatz und die Stimmung dort wie das Klingeln für die berühmten Hunde in der wis­sen­schaft­li­chen Forschung: Wir sind gut kon­di­tio­niert und können von einem Moment zum anderen loslegen. Hier merke ich, wie viel mühsamer es ist, in die Arbeitsroutine reinzu­kommen. Vor allem fehlt mir die Kol­legin für das Aufschreiben von Wörtern und Zahlen. Nun gut, die fehlt ja beim nor­ma­len Kon­sekutiv-Ein­satz, da arbeiten wir oft al­­lei­n, auch gerne mal. Auß­erdem habe ich jetzt keine Zeit für großes Rumgejammere. Ich arbeite. Und bin trotz allen Frem­delns erstaunlich schnell drin.

Was definitiv nervt beim „Remote Interpreting“ (also der Ar­beit aus der Fer­ne) sind die Schwankungen in der Ton­qua­li­tät. Es gibt Phasen, da muss ich mich doppelt konzentrieren, um zu ver­ste­hen, was gesagt wird. Das wäre per Simultandolmetschen zum Beispiel gar nicht möglich. Prompt friert das Bild eines der Ge­sprächs­teil­neh­mer erst ein, dann ver­schwin­det es ganz vom Monitor. Wenig später ruft der Ver­lo­ren­ge­gan­ge­ne bei ei­nem an­de­ren Teilneh­mer an und bleibt per Te­le­fon zu­ge­schal­tet. Natür­lich hin­dert die­ser Um­stand ihn nicht daran, aktiv an der Diskus­sion teil­zu­neh­men.

Für mich bedeutet das eine Verschlechterung der Verschlechterung. Das ist ver­gleich­bar mit den rus­si­schen Puppen, die ineinander stecken: Außen sitze ich al­lein, ohne die Kol­legin, ohne das Ambiente, das die Konzen­tration fördert. Ver­engung: Der Monitor mit den sprechenden Köpfen und dem schlech­ten Sound. Verengung: Tele­fon­ton via verzerrender Internet­leitung.

Frühjahr 2017 in der Botschaft Frankreichs
Erneute Ver­engung: Mein ge­stress­tes Hirn.

Fazit: Nach ei­ner Stunde hätte die Sache für mich gerne zu Ende sein kön­nen. Leider dau­erte der Spaß noch mehr als eine weitere Stun­de. Diese zwei Stun­den waren so an­stren­gend wie ein ganzer Kon­gress­tag, bei dem wir zu zweit in der Kabine insgesamt sechs Stun­den sitzen, wo also jede von uns drei Stun­den netto dolmetscht.

Um elf Uhr war der Job fertig — und ich auch.

Wir hat­ten diese Gesprächsart aus­pro­bieren wollen. Gründe gibt es viele: Nur Ge­sprächs­­stoff für zwei, drei Stunden und Ur­laubs­­zeit. Solche Ein­sätze müssten ehr­­li­­cher­­wei­se mit einem ganzen Tages­satz vergütet werden.

(Hier war das nicht der Fall, da es am Vortag kein Material zur Vorbe­reitung gab und ich dem Kunden Rabatt gebe, wir kennen uns länger, ich be­herr­sche die Fach­ter­mi­ni und Themen.)

2. Fazit: Meine Kunden spra­chen zum Teil in An­deu­tun­gen, be­nutz­ten in­terne Be­grif­fe, vernuschelten Wörter, tranken viel an diesem heißen Som­mertag. Wenn weder ein Teil der Teil­neh­mer noch das Thema noch der Fach­jargon einem vertraut sind, ist das mit der aktuellen Technik mit gutem Gewissen im Grunde nicht zu machen. Die Um­stän­de er­schweren die Arbeit über die Grenze des Zumut­baren hinaus. Fehler sind program­miert. Die Sache wird also am besten dort nicht angewendet, wo es um Leib und Leben und vielleicht sogar das Überleben geht (Asylthematik). Leider sind das genau die Bereiche, in denen damit experimentiert wird.
Fortsetzung folgt.

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Fotos: Privat und P.-J. Adjedj  (Archiv)

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