Wie leben, arbeiten und denken Dolmetscher? Wie verändert der Beruf ihr bzw. unser Leben? Darüber und über diverse typische Situationen aus der Arbeit denke ich hier im 13. Jahr nach. Ich zähle zu den Französisch-Dolmetschern, arbeite aber auch mit Englisch (als Ausgangssprache). Tätig werde ich in Paris, Berlin, München, Cannes, Frankfurt, Lyon und dort, wo Sie mich brauchen. Dabei achte ich immer besoners auf die Wörter.
Spaghettiträger, Stahlträger, Mützenträger, Gepäckträger, Träger einer Sänfte oder institutionelle Träger: DER TRÄGER ist ein Wort mit verschiedenen Bedeutungen. So oft wie in dieser Woche habe ich es lange nicht gehört.
Ein Kunde und ich sind unterwegs auf der Suche nach Kindergartenplätzen für seine Töchter. Er ist mit seiner Familie gerade nach Berlin gezogen. Es handelt sich um gewünschte Migration, Stichwort Fachkräftemangel, seine Spezialisierung ist hier sehr gefragt. Die USA kennen die Green Card, Europa nennt das entsprechende Dokument Blue Card. In Berlin zu arbeiten ist die eine Sache, hier zu leben die andere.
Auf Kindergartensuche also: Eine Behörde übergibt uns eine mehrseitige Liste von städtischen Kindergärten und Einrichtungen freier Träger. Eine Behörde hat alle bekannten Stellen erfasst, „aber es werden regelmäßig Kitas gegründet, die sich nicht gleich hier melden, Sie müssen die Augen selbst aufhalten“, rät die Amtsdame. Auch Tagespflegestellen seien selten.
Überall dort, wo wir in Berlin anklopfen oder anrufen, heißt es: ausgebucht! Einmal wird die Direktorin konkret, sie habe 150 Anmeldungen für zwölf Plätze. Das 17 Monate alte Mädchen könne ja noch bei Muttern bleiben, die Vierjährige mit viel Glück möglicherweise in einem Jahr irgendwo nachrücken, im Grunde aber erst 2022. In diesem Jahr wird sie dann bereits in die zweite Klasse eingeschult werden.
Die Kinder brauchen nicht nur Gleichaltrige, um Deutsch zu lernen, auch ihre Mutter braucht die Plätze. Sie ist ebenfalls Akademikerin in einem gesuchten Beruf und möchte bald ihre mageren Deutschkenntnisse erweitern, um dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen (und um zur horrenden Miete der Wohnung beitragen zu können).
Wir suchen weiter. Es gibt interne Wartelisten, Jugendamtslisten, wir entdecken weitere Türen, an die zu klopfen eventuell etwas bringen könnte. Zu erwähnen, dass man um den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz weiß, solle helfen, vernehme ich irgendwo zwischen den Worten.
Nach einer Woche Suche kann ich sagen, dass dieses Berliner Kindergartendrama für die total verfehlte Bevölkerungs- und Zuwanderungspolitik Deutschlands steht und mich fatal an die Schulen erinnert, die wir auch besucht haben, denn die Familie hat auch ein größeres Kind: Überall wird repariert, gemalert, gepflastert, aber nur das Aller-aller-allernötigste. Die meisten Gebäude sind in einem beklagenswerten Zustand, irgendwas zwischen DDR-Provinz, wo nie für mal eilig den Besuch einer wichtigen Person aufgehübscht wurde, Nachkriegsbundesrepublik und Entwicklungsland.
Parallel zu unserer Suche bringen die Zeitungen unfassbare Zahlen, die den Renovierungsrückstand der Berliner Schulen beziffern, sowie die Zahl der fehlenden Lehrer. Nur 40 Prozent der dieses Schuljahr neu eingestellten Grundschullehrer hat diesen Beruf überhaupt studiert. Pädagogik ist ein Fach, die Arbeit mit Kinder was für Profis.
Hat sich auch irgendwie nicht richtig bis in die Berliner Stadtverwaltung rumgesprochen. Und auch die Berliner Bundespolitiker scheinen erst langsam zu ahnen, dass es mit der Schwarzen Null und der Schuldenbremse viele Verlierer gibt.
Wir werden weiter auf freie Träger und Neugründungen achten. Und wenn auf einer Konferenz zu einem Bildungsthema demnächst wieder theoretisch gesprochen wird, werde ich aktuelle Bilder im Kopf haben, wie es draußen wirklich aussieht.
______________________________
Foto: C.E.
![]() |
| Mützenträgerin |
Ein Kunde und ich sind unterwegs auf der Suche nach Kindergartenplätzen für seine Töchter. Er ist mit seiner Familie gerade nach Berlin gezogen. Es handelt sich um gewünschte Migration, Stichwort Fachkräftemangel, seine Spezialisierung ist hier sehr gefragt. Die USA kennen die Green Card, Europa nennt das entsprechende Dokument Blue Card. In Berlin zu arbeiten ist die eine Sache, hier zu leben die andere.
Auf Kindergartensuche also: Eine Behörde übergibt uns eine mehrseitige Liste von städtischen Kindergärten und Einrichtungen freier Träger. Eine Behörde hat alle bekannten Stellen erfasst, „aber es werden regelmäßig Kitas gegründet, die sich nicht gleich hier melden, Sie müssen die Augen selbst aufhalten“, rät die Amtsdame. Auch Tagespflegestellen seien selten.
Die Kinder brauchen nicht nur Gleichaltrige, um Deutsch zu lernen, auch ihre Mutter braucht die Plätze. Sie ist ebenfalls Akademikerin in einem gesuchten Beruf und möchte bald ihre mageren Deutschkenntnisse erweitern, um dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen (und um zur horrenden Miete der Wohnung beitragen zu können).
Wir suchen weiter. Es gibt interne Wartelisten, Jugendamtslisten, wir entdecken weitere Türen, an die zu klopfen eventuell etwas bringen könnte. Zu erwähnen, dass man um den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz weiß, solle helfen, vernehme ich irgendwo zwischen den Worten.
Nach einer Woche Suche kann ich sagen, dass dieses Berliner Kindergartendrama für die total verfehlte Bevölkerungs- und Zuwanderungspolitik Deutschlands steht und mich fatal an die Schulen erinnert, die wir auch besucht haben, denn die Familie hat auch ein größeres Kind: Überall wird repariert, gemalert, gepflastert, aber nur das Aller-aller-allernötigste. Die meisten Gebäude sind in einem beklagenswerten Zustand, irgendwas zwischen DDR-Provinz, wo nie für mal eilig den Besuch einer wichtigen Person aufgehübscht wurde, Nachkriegsbundesrepublik und Entwicklungsland.
![]() |
| Volle Klassen, damals und heute |
Hat sich auch irgendwie nicht richtig bis in die Berliner Stadtverwaltung rumgesprochen. Und auch die Berliner Bundespolitiker scheinen erst langsam zu ahnen, dass es mit der Schwarzen Null und der Schuldenbremse viele Verlierer gibt.
Wir werden weiter auf freie Träger und Neugründungen achten. Und wenn auf einer Konferenz zu einem Bildungsthema demnächst wieder theoretisch gesprochen wird, werde ich aktuelle Bilder im Kopf haben, wie es draußen wirklich aussieht.
______________________________
Foto: C.E.


Kommentare
Kommentar veröffentlichen